Gelegentlich werde ich gefragt, ob es nicht einfacher sei, bestimmte Geschichten nicht als (Auto-)Biografie, sondern als Roman zu schreiben. So sei man der Verpflichtung ledig, zu recherchieren, was man vergaß oder noch nicht wisse, und könne an der einen oder anderen Stelle, wo es passt, ein wenig hinzuerfinden.
Doch leichter wird die Aufgabe durch diese Verschiebung ins Romanhafte keineswegs. Denn einerseits unterliegt ein Roman anderen Maßstäben als eine Biografie. Wo eine Biografie durch Ehrlichkeit und den verbürgten Bezug zur Wirklichkeit überzeugt, muss dies ein Roman allein durch literarische Mittel tun. Zugleich darf der Roman, sofern er sich auf reale Begebenheiten bezieht, hier keineswegs schlampiger auftreten. Er muss sie ebenso ernst nehmen wie eine Biografie, nur auf andere Weise. Wer beliebig erfindet, schreibt eben auch nur Beliebiges.
Darum betone ich gegenüber meinen Fragestellern sogar das Gegenteil: die Aufgabe wird schwieriger! Eva Wiesenecker, die Autorin von »Forughs Enthüllungen«, weiß dies genau. Und ich freue mich, dass ihr der Spagat zwischen historischer Treue und ihrem besonderem, fantasie- und beziehungsreichen Stil trotz dieser Schwierigkeit gelungen ist.
Am Anfang des Buches heißt es:
Diese Geschichte beruht auf historischen Ereignissen.
Ihre Figuren existierten, so oder so ähnlich.
Ich danke demjenigen, der sie mir anvertraute.
Und mit jedem neuerlichen Erzählen entstanden diese Seiten.
Zwei Lebensgeschichten vor historischem Hintergrund
Die Geschichte, von der die Rede ist, ist erstens die eines iranischen Arztes und Beamten zur Zeit des CIA-Putsches 1953 gegen Premierminister Mossadegh und danach. Im Buch wird er nur »der General« genannt. Und zweitens die seines Sohnes Darius, der die längste Zeit seines Lebens in Deutschland lebte. Nach dem Tod des Vaters reist er in sein Geburtsland, um das Erbe zu regeln, und stößt auf innere wie äußere Widerstände.
Hinzu kommt die titelgebende Figur Forugh, eine fiktive Frauengestalt, die als Darius‘ Vertraute und Informantin fungiert. Ihren Namen und einige Motive lieh sich Wiesenecker von der bedeutenden iranischen Dichterin Forugh Farrochsad, und betont damit auf besondere Weise das heute unterdrückte Potential der persischen Kultur.

Die Kindheit des Generals, der aus bescheidenen Verhältnissen aufsteigt. Sein Studium an der Sorbonne. Wie er Darius‘ Mutter im französisch besetzten Teil Deutschlands kennenlernte und schließlich mit nach Teheran bringt. Culture Clash auf vielen Ebenen. Die Rückkehr von Mutter und Kind nach Deutschland. Darius‘ Internate in Deutschland und zwei Jahre Schule in Teheran. Sein scheiternder Versuch, das vererbte Vermögen vor den Begehrlichkeiten von Anwälten und Beamten zu retten. Und schließlich auch das tragische Schicksal von Darius‘ Halbgeschwistern. Für etwa 160 Seiten sind das viele Themen.
Auf manche werden nur Schlaglichter geworfen, und gerade dadurch entsteht wohl das Bild von Menschen, deren Leben miteinander verbunden waren, ohne dass sie sich einander ausreichend erklären und zu einer Familie werden konnten. Dafür waren die Fliehkräfte von Zeit und Umständen letzlich zu groß.
Jeden Sommer verbrachte Darius bis zum Tod des Vaters in Teheran, und die Rituale vor der Reise blieben über all die Jahre gleich: Papuli schickte vorher Tonbänder ins Mutterland, auf denen er mindestens dreimal wiederholte:
»Asisam salam ars mikonam«, mein lieber Sohn, sei gegrüßt. […]
Nach diesem Begrüßungsritual ermahnte der Vater den Sohn, eifrig zu lernen, Sport zu treiben und der Mutter zu gehorchen. Zwischendurch pausierte der Vater. Nachdrücklich bat er dann mit höherer, nasaler Stimme, verschiedene Sachen zu besorgen.
Gewissenhaft bereitete Darius alles vor, erstellte Listen, ordnete die Wünsche den Geschäften zu und rannte durch die Kaufhäuser.
Vor jeder Reise lag ein Berg von Röcken, Blusen, Nylonstrümpfen, Dessous, Mousoncreme, Haarfärbemittel, Radioersatzteilen und Nylonhemden kreuz und quer auf Bett, Boden und Schreibtisch. In den Koffern nutzte Darius jeden Hohlraum: Socken, Tuben und kleine Ersatzteile verstaute er in den Schuhen. Hemden und Hosen faltete er einmal. Sämtliche Gegenstände verteilte er akribisch. Wäre Packen eine olympische Disziplin, er hätte eine Goldmedaille verdient.
[…]
Wie gerne hätte Darius damals dem Vater gesagt, dass er vor dem Einschlafen im Mutterland manchmal aus Sehnsucht nach ihm die Bänder abhörte.
Forugh beobachtet Darius und fragt sich zum ersten Mal, ob es schwer für ihn sei, zwischen Mutterland und Vaterland zu pendeln und von der Muttersprache ins Persische zu wechseln.
Als hätte Darius ihre Gedanken gelesen, erzählt er, dass er im Mutterland oftmals gefragt wird, was er denn nun sei, Iraner oder Deutscher.
»Was antwortest du?«
»Natürlich, dass ich beides bin! Dann sehen sie mich verdutzt an.«
Meine Rolle
Meine Rolle bei der Entstehung des Romans war nicht die eines Lektors (weshalb ich das Buch auch nicht unter »Beispiele« anführe). Ich fungierte als Manuskriptberater und las mehrere Vorgänger-Versionen des Manuskripts.
Bei unseren Besprechungen und Überlegungen ging es oft um Fragen der Perspektive, die zu den diffizilsten Aspekten des Schreibhandwerks gehören: Welche Figur weiß zu einer gegebenen Zeit wovon? Und welche berichtete wann von mehr? In einem wörtlichen Dialog oder in personaler Erzählhaltung? Gerade wegen der Mischung von realen Gegebenheiten und der fiktiven Farugh-Figur waren diese Fragen nicht leicht zu beantworten und verlangten häufige Nachjustierungen.
Ein Teil der Lösung, die Wiesenecker mit der Verlagslektorin fand, bestand darin, den Zeitraum, in dem sich Forugh und Darius über die Vergangenheit des Generals unterhalten, auf das Jahr nach seinem Tod zu beschränken. Diese Lösung klang in unseren Gesprächen bereits an, verlangte aber einige schmerzhafte Schnitte à la »kill your darlings«.
Auch die Verwendung von Jahreszahlen in den Überschriften trägt viel zur Orientierung der Leser*innen bei.

Was Geschichte ist
Dass der amerikanische Interventionismus kaum Gutes hervorgebracht hat (außer vielleicht für die Wirtschaft der USA), ist in den heutigen Zeiten zum Allgemeinwissen geworden. Der CIA-Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten des Iran ist nur eines von vielen Beispielen.

Geschichtsbücher sind das eine. Doch erst durch Erzählungen wie diese werden die Namen und Zahlen lebendig, und wir können beginnen zu verstehen, wie sich Geschichte wirklich abspielt.
Das die beschriebenen Schicksale einem Vorbild verpflichtet sind, trägt zu einem wahrhaftigen Verständnis bei. Denn für erfundene Figuren, wie wahrscheinlich und bedeutsam sie auch gestaltet werden, gilt in letzter Instanz die Logik der Erzählung. Hier jedoch drückt sich immer wieder die Kontingenz von Lebensläufen durch, die sich keiner Sinnkonstruktion beugt. Wie die Kanten einer harten Unterlage durch Schreibpapier.
Eva Wiesenecker: Forughs Enthüllungen.
Verlag Donata Kinzelbach,
Mainz 2025
ISBN 978-3-942490-60-3
